
Maria Hueber
(1653-1705)


Unsere Mutter Anfängerin
Pionierin in der Elementarbildung für mittellose Mädchen Tirols, begabte Netzwerkerin, Mystikerin, Gründerin der ersten aktiv tätigen franziskanischen Tertiarinnengemeinschaft in Tirol – die Liste über ihre unterschiedlichen Rollen, Begabungen und Vorzüge ist lang und ließe sich ohne weiteres fortsetzen.
Verschiedene historische Quellen lassen zutage treten, dass sie bereits in jungen Jahren eine facettenreiche Spiritualität, aber auch ein tiefes Interesse an den inneren Zusammenhängen der Welt kultivierte. Vieles aus den jahrhundertealten Faszikeln ist zeitbedingt, viele Leerstellen lassen Fragen offen und manche historische Begebenheit kann trotz großer Bemühungen nicht nachgezeichnet werden. Was aber die Jahrhunderte überdauert, ist die Erfahrung vieler Menschen, dass Maria Huebers Leben und Wirken, aber auch sie als Person und Frau eine tiefe Faszination auslösen.
Hier wollen wir einen kurzen Einblick in ihr Leben geben und vor allem auf die historischen Zeugnisse eingehen, die im Mutterhaus in Brixen und somit in der Wiege der Kongregation der Tertiarschwestern des hl. Franziskus gehütet werden.
Wissen – der Schlüssel zur Welt
Maria Hueber, geboren am 22. Mai 1653 in Brixen (Südtirol), wuchs als fünftes Kind der Näherin Anna Tapp und dem Turmwächter Nikolaus Hueber in einfachen Verhältnissen auf. Bemerkenswert ist, dass ihre Mutter selbst Lesen konnte und sie darin unterwies. Belegt ist, dass sie sich selbst das Schreiben beibrachte und sich sogar „eine feine Handschrift erwarb“.


Beziehungsnetze
Die historischen Quellen offenbaren ein klug gesponnenes Beziehungsnetz, und das weit über die Landesgrenzen hinaus. Dass adelige Nonnen aus dem Innsbrucker Servitinnenkloster die 20-jährige Maria Hueber bitten, sie möge ihnen das ABC des Glaubens lehren und sie in geistlichen Dingen unterweisen, offenbart ihre herausragende Stellung.
Sicherlich hätte sie die Möglichkeit gehabt, trotz ihrer Herkunft in einen prestigeträchtigen Orden einzutreten. Sie wählte allerdings bewusst den franziskanischen Weg und das schon im jungen Alter von 24 Jahren, indem sie 1677 in den weltlichen Dritten Orden eintrat.
Anpassungsfähigkeit
Bemerkenswert ist, dass Maria Hueber seit ihrer Jugend als Dienstmädchen für adelige Familien und Priester in Brixen, Bozen, Innsbruck und Salzburg tätig war und sich an die verschiedensten Situationen anpassen musste. Fehlte ihr als junges Mädchen bei der Kinderbetreuung der notwendige Schlaf, trachtete man ihr in Salzburg nach dem Leben. Völlig entkräftet kam sie nach Hause und fand ihre Mutter in großer Not vor. Wiederum ließ sie sich auf die Herausforderung ein und pflegte sie, bis diese hochbetagt starb.
Maria Hueber war zu diesem Zeitpunkt bereits über 40 Jahre alt; dass die fromme Frau noch in einem Orden Aufnahme finde, war zwar nicht unmöglich; da aber die umliegenden Gemeinschaften ziemlich überfüllt waren, platzte auch dieser Lebenstraum. Rang Maria Hueber mit ihrem Schicksal? Wir wissen es nicht. Klar ist, dass sie bei der Adeligen Katharina von Enzenberg Unterschlupf fand. Hier taten sich betend, suchend, tastend neue Wege auf, gepaart mit visionären Ideen, die für eine Frau aus ihrem Stand und mit ihren Möglichkeiten unerhört revolutionär anmuteten.
Bildung als Weg in die Freiheit
Gemeinsam mit ihrer Gefährtin Regina Pfurner eröffnete sie am 12. September 1700 die erste kostenlose Mädchenschule in der Runggadgasse in Brixen. Klar ist, dass das Format der Bildungsinstitution bescheiden war: in der hinteren Stube unterwiesen die beiden die Mädchen im Lesen, Schreiben, Rechnen und in den feinen Handarbeiten, wohl wissend, dass sie damit auch Erwerbsmöglichkeiten für die angehenden Frauen schufen, denn als Näherin konnte man sich auch um 1700 über Wasser halten. Diese Kompetenzen waren nicht nur lebenserhaltend, sondern sie eröffneten eine ungeahnte Freiheit.


Mutige Schritte
Das Konzil von Trient und die Papstbulle „Circa Pastoralis“ bürdeten Ordensfrauen die Beobachtung der strengen Klausur auf. Jene Gemeinschaften, die die kirchenrechtlichen Bestimmungen geschickt umgingen und dennoch apostolisch tätige Gemeinschaften ins Leben riefen, vermieden es tunlichst, offiziell als Religiose aufzutreten.
Auch für Maria Hueber und ihre Gefährtinnen kam eine strenge Klausur nicht infrage, denn sie wollten ja eine Mädchenschule führen. Dennoch konzipierten sie ein innovatives und originelles Format von Ordensleben: In jahrelangen Suchprozessen, verbunden mit zähen Verhandlungen mit diözesanen und stadtpolitischen Autoritäten, erkämpften sie sich die Erlaubnis, Habit, Schleier und den franziskanischen Gürtel zu tragen. Darüber hinaus erwirkten sie sich die kirchenrechtliche Anerkennung als franziskanische Tertiarinnen.
Von ihrem Ordensmodell her verbanden sie emsiges Apostolat in der Mädchenbildung mit traditionellen Elementen aus dem Nonnenwesen: Rezitation des Chorgebets, Ablegung von ewigen Gelübden, einen geistlichen Zunamen, z. B. Sr. Anna Maria von der Dreifaltigkeit.
Dass die franziskanische Spiritualität eine große Rolle spielte, lässt sich auch daran ablesen, dass Maria Hueber flache Hierarchien forderte, trotz großer materieller Not die Mitgift als Voraussetzung für einen Eintritt ablehnte und sich und ihre Schwestern ganz bewusst nicht finanziell absichern wollte. Elisabeth von Thüringen galt als großes Vorbild in ihrer ungesicherten Existenz.
Die Gewissheit, geliebt zu sein
Die Mystik Maria Huebers ist jenes Gebiet, wo bekanntlich am wenigsten historisch gesicherte Quellen vorliegen. Lediglich fünf Briefe und einige Einsprengsel in biografischen Zeugnissen lassen uns einen Blick in das Wirken Gottes in ihrer Seele tun.
Die mystischen Dialoge mit dem „Gnadenkindlein“ und dem „Gnadenkreuz“ mögen heute lieblich, vielleicht sogar befremdlich auf uns wirken. Dass sich dahinter aber ein, für die damalige Zeit ungewöhnlich personales, empathisches und vor allem barmherziges Gottesbild verbirgt, darf nicht vergessen werden. Grenzenlos wirkt nicht nur ihr Vertrauen auf Gott, sondern auch ihre innere Gewissheit, bedingungslos angenommen und trotz großer innerer und äußerer Anfechtungen in dieser Liebe geborgen zu sein.
Das Gnadenkreuz sprach zu ihr: „Vergiss doch deiner um meinetwillen ganz. Du bist mein und ich bin dein!“
Das Gnadenkindlein tröstete sie mit den Worten: „Empfange meinen Segen und lass dir alles gleich sein, was ich über dich verhänge und dir auferlege.“


Geliebt und verehrt
Maria Hueber starb am 31. Juli 1705. Das Streben, sie von der Kirche offiziell selig- und heiligsprechen zu lassen, ergab sich aus der Verehrungstradition, die bereits zu ihren Lebzeiten einsetzte und nie abriss. Der Informativprozess (1996-1998) sowie der Seligsprechungsprozess (ab 1998) waren dank der fundierten „Positio“, welche unsere Sr. Carla Palla fachkundig verfasste, zähe, aber von Erfolg gekrönte Unterfangen. Nachdem 2013 Sr. Maria Paula Unterkalmsteiner beauftragt worden war, im Vatikan die „Causa Maria Hueber“ voranzubringen, benötigte es noch viele Schritte, bis 2019 Papst Franziskus sie offiziell als „venerabile“ erklärte und damit im Hinblick auf ihr Leben und Wirken als „verehrungswürdig“.
Über 160 Gebetserhörungen wurden bereits dokumentiert. Ein eindeutiges Wunder, das den strengen Kriterien des Vatikans entspricht, konnte bislang jedoch nicht vorgewiesen werden.
Bild: Grab Maria Huebers mit zahlreichen Votivtäfelchen als Dank für Gebetserhörungen
Gebetserhörungen mögen bitte Sr. Maria Paula Unterkalmsteiner mitgeteilt werden: sr.mariapaula@tertiarschwestern.it
Prägend bis heute
Unsere Kongregation ist in ihrer 300-jährigen Entwicklung nicht nur einmal von politischen, sozioökonomischen und personellen Herausforderungen gebeutelt worden. „Not und Brot werdet ihr immer haben!“ – Obwohl dieses geflügelte Wort nicht zu den gesicherten Aussprüchen Maria Huebers gehört, wissen wir uns davon getröstet.
Demütig, ja fast ehrfürchtig stehen wir auf den Schultern unserer Mitschwestern; wir staunen über ihre unbeugsame Widerstandskraft, aber auch über ihre Flexibilität. Denn besonders bemerkenswert ist, dass unsere Kongregation trotz vieler Nöte immer wieder für neue Wege offen war; die Schwestern haben sich auch nie von Widerständen beirren lassen; maßgeblich für uns ist, immer wieder neu auf die Nöte der Zeit zu blicken und darin einen Anruf Gottes zu sehen.
1924 brachen die ersten Missionarinnen nach Ascensión de Guarayos in Bolivien auf; 1935 wagte man den Schritt auf den afrikanischen Kontinent und eröffnete in Shisong (Kamerun) eine Missionsstation. Heute bilden die dortigen Schwestern mit drei Provinzen (St. Francis, St. Clare und Maria Hueber) den blühendsten Zweig der Kongregation mit über 300 Schwestern sowie Apostolaten in Kamerun, Nigeria, dem Kongo und Zentralafrika, während die Provinzen Hall (Nordtirol), Brixen (Südtirol) und Bolivien zusammen ca. 120 Schwestern verzeichnen.
Wir blicken dankbar auf unsere Vergangenheit, gespannt auf die Gegenwart und hoffnungsvoll in die Zukunft. Vor allem aber sind wir überzeugt, dass Maria Hueber durch ihre Fürbitte vor Gott unsere Kongregation als ihr Werk und jede einzelne Schwester begleitet.



Unser Maria-Hueber-Museum
In einem eigenen kleinen Museum im Mutterhaus (Brixen) haben wir die Originalquellen, die geistlichen Schätze Maria Huebers sowie historische Gemälde und Bücher ausgestellt.
Zelle des Ursprungs
Ein eigener Kellerraum aus dem 18. Jahrhundert, genannt „Zelle des Ursprungs“, gibt außerdem einen unvergleichlichen Einblick in den konkreten Wirkort der allerersten Stunde.
Schauraum mit historischen Funden
Ein Schauraum präsentiert Scherben aus altem Geschirr, das in diesem Vorratsraum gelagert worden war. Diese Funde sind uns vom Landesdenkmalamt als Leihgabe zur Verfügung gestellt worden und können ebenfalls besichtigt werden.

Zitate aus den Briefen unserer Mutter Anfängerin
• „Die Gnade des Heiligen Geistes sei mit uns und wirke mit uns große Dinge zu seiner größeren Ehre!“ (1. und 2. Brief)
• „Es bleibt dabei und sollte in Ewigkeit dabei zu verbleiben haben; Jesus hat mich schon gefesselt mit den Liebesbanden und dem goldenen Schnürl.“ (1. Brief)
• „Der Name des Herrn sei gebenedeit um alles und jedes, um Süßes und Saures! Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, Gott kann es wieder geben. Der Name des Herrn sei gebenedeit! Wie es Gott will, lasse ich es mir gefallen.“ (2. Brief)
• „Gott sei Dank für Süß und Sauer!“ (2. Brief)
• „Wie Gott will, so lass ich mirs gefallen!“ (2. Brief)
• „So empfange meinen Segen und lass dir alles gleich sein, was ich über dich verhänge und dir auferlege!“ (Worte des Jesuskindes an Maria Hueber, 2. Brief)
• „Ich glaube fest, ohne Gott kann mir weder Gutes, noch Süßes, noch Saures begegnen. Gott sei in Ewigkeit um alles gelobt!“ (3. Brief)
• „Gott sei allzeit gelobt!“ (3. Brief)
• „Der liebe Gott richte alles nach seinem göttlichen Willen!“ (3. Brief)
• „Ich glaube fest an Gottes Güte und Barmherzigkeit.“ (3. Brief)
• „Vergiss doch deiner um meinetwillen ganz. Du bist mein und ich bin dein.“ (Worte des Gekreuzigten an Maria Hueber, 5. Brief)
• „Der liebe Gott wird und kann mich nicht verlassen, weil ich fest an ihn glaube und auf ihn hoffe.“ (5. Brief)
• „Ich gehöre Jesus an. Der Name Jesu sei gebenedeit, dass er seinen heiligsten, wohlgefälligsten Willen an mir vollzieht.“ (5. Brief)
Wissenschaftliche Forschungen
Auch wenn wir als aktiv tätige Tertiarschwestern uns vorwiegend in der Bildungs- und Erziehungsarbeit sowie in der Krankenpflege betätigt haben, gab es bei uns erfreulicherweise seit den 1950er Jahren einzelne Schwestern, die sich um die historische Erforschung unserer Kongregation bemüht haben – bis heute.
Eine ausführliche Liste mit den verfügbaren Publikationen zu Maria Hueber finden Sie HIER.
Sr. Marianne Vettori
Sr. Marianne Vettori veröffentlichte im Eigenverlag die erste wissenschaftlich fundierte Biografie über Maria Hueber („Gekrönt mit Dornen und Rosen“, 1963) sowie die Kongregationsgeschichte (1955/1973). Für ihr Porträt über unsere Mutter Anfängerin wurde sie 1965 von der Universität Innsbruck mit der Eintragung ins Ehrenbuch ausgezeichnet.
Das mühsame Zusammentragen des Materials aus diversen Archiven gepaart mit armseligen Arbeitsbedingungen lassen darüber staunen, wie umfassend sie sich der Aufarbeitung widmete. Es ist nicht zu hochgegriffen zu sagen, dass diese Forschungen ihr Lebenswerk darstellten.
Ihre Bücher sind bis heute lesenswert. Auch wenn manche ihrer Thesen durch die Hinzuziehung anderer Quellen ergänzt und korrigiert wurden – die Art und Weise, wie sie es verstand, die historische Wirklichkeit und das Charisma unserer Kongregation zu deuten, ist bis heute prägend für uns und unseren Blick auf Maria Hueber und unsere Gemeinschaft.


Sr. Carla Palla
Sr. Carla Palla kam die Aufgabe zu, die sog. „Positio“ für den Seligsprechungsprozess zu schreiben, die durchwegs als exzellente Arbeit gelobt worden ist und auf einer gründlichen Quellenarbeit basiert.
Darüber hinaus verfertigte sie nicht nur hervorragende italienische Übersetzungen des Quellenkorpus, sondern sie transkribierte auch tausende Chronikseiten. Somit können die Schwestern, die der Kurrentschrift nicht mächtig sind, die Quellen im Originalwortlaut lesen.
Sr. Johanna Maria Unterkalmsteiner sowie Sr. Maria Dolores Lemayr führten diese Transkriptionsarbeiten bis ins hohe Alter fort und das sogar mit auffallend modernen Mitteln, denn wir haben teilweise sogar digitalisierte Transkriptionen vorliegen.
Josef Gelmi
Josef Gelmi verfasste 1993 auf der Basis von Sr. Carlas Vorarbeiten eine Biografie über Maria Hueber, die sie und ihr Werk vor allem aus dem kirchenhistorischen Kontext heraus beleuchtet. Seine Biografie wurde außerdem ins Italienische übersetzt.

Eva Cescutti
In zwei Artikeln beleuchtete die promovierte Philologin das Leben und Wirken unserer Mutter Anfängerin, ihre Mädchenschule sowie die Jesuskind-Verehrung aus frauenhistorischer Sicht. Damit bereicherte sie die Maria-Hueber-Forschung mit einer neuen feministischen Perspektive, die in Folge dankbar aufgenommen und weitergeführt worden ist.
Sr. Anna Elisabeth Rifeser
Sie verfasste eine umfangreiche kulturwissenschaftliche Studie zu Maria Hueber und den Tertiarinnen in Brixen, Bozen und Kaltern. Seit ihrer Promotion im Fach Kirchengeschichte (2018) publiziert sie regelmäßig wissenschaftliche Beiträge über unsere Mutter Anfängerin und die Tertiarschwestern, z. B. verfasste sie auch ein Lebensbild über Sr. Leonarda Felderer, die den Zusammenschluss der bis 1929 unabhängigen Gemeinschaften von Brixen, Bozen, Kaltern und Mühlbach in die Wege leitete und der geeinten Kongregation als erste Generaloberin vorstand.

Eine weitere Ausführung zum Leben und Wirken unserer Mutter Anfängerin finden Sie hier:
https://tertiarysisters.org/de/maria-hueber/
Ausführliche Informationen zu Maria Hueber, der Schulgründung und der Entstehung der Schwesterngemeinschaft finden Sie hier: www.fembio.org/maria-hueber/
Persönliche Zugänge unserer Schwestern finden Sie hier: https://tertiarschwestern.it/ueber-uns/mit-maria-hueber-unterwegs/
Historische Forschungen zu unserer Kongregation

Sr. Maria Regina Rainer
Sie promovierte 1975 im Fach Geschichte (Universität Padua) mit einer Arbeit über den Ansitz Freyenthurn, also über unser ehemaliges Kloster in Mühlbach, genannt Herz-Jesu-Institut, das mittlerweile der Stiftung St. Elisabeth übertragen worden ist.
Sr. Hildegund Meßner
Sie schrieb ihre Doktorarbeit 1984 über die Tertiarschwestern in Bozen von 1712 bis 1929 mit besonderer Berücksichtigung ihres öffentlichen Wirkens.
